Gute Arbeit braucht Sicherheit, Respekt und eine starke Interessenvertretung
von Volker Schierenberg (Kommentare: 0)
Wie geht es weiter für die Beschäftigten in Transport und Logistik?
Wir alle kennen die Frage: Wie geht es weiter?
Bevor wir darauf eine Antwort geben können, sollten wir zunächst zurückblicken. Die vergangenen Jahre waren für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von erheblichen wirtschaftlichen und persönlichen Belastungen geprägt.
Steigende Preise für Lebensmittel, Energie, Wohnen und Mobilität haben tiefe Spuren in den Haushaltskassen hinterlassen. Die amtlichen Zahlen bestätigen diese Entwicklung: Der Verbraucherpreisindex stieg von 100 Punkten im Jahr 2020 auf 121,9 Punkte im Jahr 2025. Damit lagen die Verbraucherpreise 2025 im Durchschnitt rund 21,9 Prozent über dem Niveau von 2020.
Gleichzeitig konnten die Löhne in vielen Bereichen zunächst nicht mit der Preisentwicklung Schritt halten. Zwar steigen die Reallöhne inzwischen wieder. Im Jahr 2025 lagen sie um 1,9 Prozent über dem Vorjahr, und auch im zweiten Quartal 2026 wurde ein Anstieg gegenüber dem Vorjahresquartal verzeichnet. Dennoch haben viele Beschäftigte die Kaufkraftverluste der besonders belastenden Jahre noch nicht vergessen.
Wenn am Monatsende immer weniger übrig bleibt
Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zählt nicht allein, was auf der Lohnabrechnung als Bruttobetrag steht. Entscheidend ist, was nach Steuern, Sozialabgaben und den alltäglichen Ausgaben tatsächlich übrig bleibt.
Eine Lohnerhöhung verliert einen erheblichen Teil ihrer Wirkung, wenn gleichzeitig Mieten, Energiepreise, Versicherungsbeiträge, Lebensmittel und andere notwendige Ausgaben steigen. Besonders Beschäftigte mit niedrigen und mittleren Einkommen spüren diese Entwicklung unmittelbar.
Viele stellen sich daher berechtigterweise die Frage:
Warum führt gute und verantwortungsvolle Arbeit nicht automatisch zu mehr finanzieller Sicherheit?
Wer täglich arbeitet, Verantwortung übernimmt und den wirtschaftlichen Betrieb aufrechterhält, muss von seiner Arbeit leben können. Dazu gehört mehr als die Sicherung des Existenzminimums. Arbeit muss gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, Familien Sicherheit geben und den Aufbau einer verlässlichen Altersvorsorge erlauben.
Soziale Sicherheit darf nicht zum Luxus werden
Neben der unmittelbaren finanziellen Belastung wächst bei vielen Beschäftigten die Sorge um die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme.
Immer wieder werden Veränderungen bei der gesetzlichen Krankenversicherung, der Pflegeversicherung und der gesetzlichen Rente diskutiert. Dabei stehen auch mögliche zusätzliche Belastungen für Versicherte und Familien im Raum. Solche Vorschläge dürfen jedoch nicht vorschnell als bereits geltendes Recht dargestellt werden.
Für uns als Gewerkschaft ist entscheidend:
Reformen dürfen nicht einseitig auf dem Rücken der Beschäftigten und ihrer Familien ausgetragen werden.
Wer zusätzliche private Vorsorge fordert, muss auch ehrlich beantworten, wovon Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer diese Vorsorge bezahlen sollen. Wer über höhere Eigenbeteiligungen oder zusätzliche Beiträge spricht, muss gleichzeitig dafür sorgen, dass die Einkommen mit der tatsächlichen Preisentwicklung Schritt halten.
Die soziale Absicherung ist keine freiwillige Zugabe. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil eines gerechten Arbeitslebens und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Transport und Logistik denken jeden Tag voraus
Gerade die Beschäftigten in Transport und Logistik wissen, was Verantwortung und vorausschauendes Handeln bedeuten.
In der Disposition muss vor der Annahme eines Auftrags geprüft werden, ob dieser personell, zeitlich und wirtschaftlich überhaupt realisierbar ist. Touren müssen geplant, gesetzliche Vorgaben beachtet und unerwartete Veränderungen bewältigt werden.
Im Lager und in der Verladung sorgen Kolleginnen und Kollegen dafür, dass Waren richtig zusammengestellt, gesichert und in einer nachvollziehbaren Reihenfolge übergeben werden. Fehler können hier nicht nur wirtschaftliche Folgen haben, sondern auch die Sicherheit von Menschen gefährden.
In den betriebseigenen Werkstätten tragen die Beschäftigten die Verantwortung dafür, dass Fahrzeuge und technische Einrichtungen zuverlässig funktionieren. Sie müssen mögliche Gefahren frühzeitig erkennen und beheben.
Auch das Fahrpersonal muss jeden Tag vorausschauend handeln. Das gilt besonders bei Gefahrguttransporten oder bei der Belieferung von Tankstellen. Beladungsreihenfolge, Ladungssicherung, persönliche Schutzausrüstung und zahlreiche Sicherheitsvorschriften müssen jederzeit beachtet werden.
Ob Disposition, Lager, Verladung, Werkstatt oder Fahrdienst: Alle tragen ihren Teil dazu bei, dass Lieferketten funktionieren und Waren sicher an ihr Ziel gelangen. Diese Verantwortung verdient nicht nur Anerkennung, sondern auch eine angemessene Vergütung und verlässliche Arbeitsbedingungen.
Wer Verantwortung verlangt, muss Sicherheit bieten
Von Beschäftigten wird täglich erwartet, dass sie mitdenken, vorausplanen und für Fehler geradestehen. Dann muss auch von Politik, Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretungen erwartet werden dürfen, dass sie vorausschauend handeln.
Es reicht nicht, immer neue Belastungen anzukündigen und anschließend von den Beschäftigten noch mehr Eigenverantwortung zu verlangen. Gute Arbeit braucht verlässliche Rahmenbedingungen:
- faire und nachvollziehbare Entlohnung,
- Arbeitszeiten, die Gesundheit und Familie berücksichtigen,
- Schutz vor Überlastung und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen,
- eine tragfähige Kranken- und Pflegeversicherung,
- eine gesetzliche Rente, die ein würdevolles Leben ermöglicht,
- sowie echte Mitbestimmung im Betrieb.
Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretungen müssen gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen. Zusammenarbeit bedeutet jedoch nicht, dass berechtigte Interessen der Beschäftigten zurückgestellt werden. Zusammenarbeit funktioniert nur auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt.
Die Beschäftigten müssen gehört werden
Viel zu häufig wird über die Menschen gesprochen, die jeden Tag die praktische Arbeit leisten. Viel zu selten wird mit ihnen gesprochen.
Wer wissen möchte, wo es in der Transport- und Logistikbranche tatsächlich Probleme gibt, muss diejenigen fragen, die täglich in Fahrzeugen, Lagern, Werkstätten, Büros und auf Betriebshöfen arbeiten.
Ihre Erfahrungen gehören an den Verhandlungstisch. Ihre Sorgen müssen ernst genommen und ihre Vorschläge berücksichtigt werden.
Die Gewerkschaft Transport & Logistik will genau diese Stimme sein. Wir vertreten die Interessen der Beschäftigten unabhängig, praxisnah und ohne parteipolitische Scheuklappen. Entscheidend ist für uns nicht, wo jemand herkommt, sondern unter welchen Bedingungen dieser Mensch arbeitet und lebt.
Wir grenzen niemanden aufgrund seiner Herkunft aus. Unsere Solidarität gilt allen Kolleginnen und Kollegen, die sich für faire Arbeitsbedingungen, gegenseitigen Respekt und soziale Sicherheit einsetzen.
Gemeinsam können wir etwas verändern
Eine Gewerkschaft ist immer nur so stark wie die Menschen, die sich in ihr zusammenschließen und aktiv einbringen.
Wer möchte, dass sich Arbeitsbedingungen verbessern, darf sich nicht allein auf Versprechen anderer verlassen. Beschäftigte müssen ihre Interessen gemeinsam vertreten, Erfahrungen austauschen und deutlich machen, wo Veränderungen erforderlich sind.
Dabei geht es nicht nur um den nächsten Tarifabschluss oder die nächste Lohnerhöhung. Es geht um langfristige Sicherheit:
- um ein Einkommen, das zum Leben reicht,
- um eine verlässliche Absicherung bei Krankheit,
- um Schutz bei Problemen im Arbeitsverhältnis,
- um Mitbestimmung im Betrieb,
- und um eine Rente, die nach einem langen Arbeitsleben gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Die GTL wächst, weil immer mehr Kolleginnen und Kollegen erkennen, dass eine eigenständige Interessenvertretung in der Transport- und Logistikbranche notwendig ist. Dieses Wachstum ist für uns Anerkennung und Auftrag zugleich.
Wie geht es also weiter?
Es geht weiter, indem wir uns nicht mit leeren Versprechen zufriedengeben.
Es geht weiter, indem wir Probleme klar benennen, belastbare Lösungen einfordern und die tatsächlichen Erfahrungen der Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen.
Und es geht weiter, indem wir zusammenstehen.
Bringt euch ein. Sprecht über eure Erfahrungen. Unterstützt euch gegenseitig und stärkt eine Gewerkschaft, die eure Arbeitswelt kennt.
Denn faire Entlohnung, soziale Sicherheit und Respekt entstehen nicht von allein. Sie müssen gemeinsam erarbeitet, verteidigt und immer wieder neu eingefordert werden.